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Der Bitcoin – disruptives Währungssystem oder digitales Gold?

Teil 1 – Der Status Quo und Nakamotos Vision

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, deren Wirtschaft nicht auf einem System permanenter Neuverschuldung aufgebaut ist? Sondern vielmehr auf einem System, in dem man als Geringverdiener keine Kredite über fünf Jahre aufnehmen muss, um einen Fernseher zu bezahlen, dessen Technik eigentlich schon zum Zeitpunkt des Kaufs Schnee von gestern ist?

Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn uns manche Banken und andere hochspekulative Wirtschaftszweige nicht noch tiefer in die Abhängigkeitsspirale von Schulden und Krediten ziehen könnten? Wie würde die Welt aussehen, wenn sich ein Währungssystem etablieren würde, welches keine Schulden kennt, nur Guthaben? Ein System, mit dem sich jeder Mensch, auch in Entwicklungs- und Schwellenländern ohne großen Kostenaufwand den Zugriff auf ein international nutzbares „Konto“ für seine Vermögenswerte sichern könnte – und damit auch auf eine direkte (!) Teilhabe an internationalen Märkten? Und das, ohne sich in Abhängigkeit von diversen Finanzdienstleistern zu begeben?

Wie würde sich ein System gestalten, das nicht von Banken und Regierungen kontrolliert oder abgeschaltet werden kann? Idealerweise inflationsgeschützt, ja sogar deflationären Charakters aufgrund absoluter Limitierung der Währungseinheiten? Ein System, bei dem keine Bank der Welt mehr die Möglichkeit hätte, trotz vielerorts anstehender Minuszinsen mit dem Geld der Anleger zu spekulieren? Oder aus reiner Langeweile heraus (dezent überspitzt ausgedrückt) mal wieder Helikoptergeld zu drucken und damit eine Hyperinflation sowie die nächste Weltwirtschaftskrise zu provozieren?

Ist diese Vorstellung eines besseren Systems dazu verdammt, eine Utopie zu bleiben?

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die Gute: Ein solches Währungssystem existiert bereits seit 10 Jahren. Und es gewinnt rasant an Popularität. Es hört auf den Namen Bitcoin.

Die Schlechte: Noch hat sich dieses System nicht ausreichend etabliert, um eine flächendeckende Versorgung im Alltag garantieren zu können.

Jedoch ist der Bitcoin spätestens mit dem Hype im Frühjahr 2017 auch für die breitere Bevölkerung zunehmend ein Begriff. Immerhin steht der Bitcoin inzwischen in der Top-Search Liste bei Google, ist ab und an ein Thema in diversen TV-Formaten und selbst manches Klatschblatt befasst sich damit – wenn auch in gewohnt journalistischer „Qualität“.

Während das Potenzial der zugrunde liegenden Blockchaintechnologie immer mehr auch von (Zentral-) Banken sowie großen Wirtschaftsverbänden zähneknirschend anerkannt wird, selbst Universitäten themenbezogene Seminare anbieten und sich in Forschungsgruppen der Grundlagenforschung widmen, verschärfen sich mit wachsender Popularität der Kryptowährung auch einige Problemlagen, welche Anlass zu Grundsatzdiskussionen bieten.

Mit einem Teil davon möchten wir uns heute beschäftigen. Konkret erarbeiten wir hier eine Gegenüberstellung des Status Quo des Bitcoin und seiner Community auf der einen Seite und der ursprünglichen Philosophie Satoshi Nakamotos auf der anderen Seite. Dafür muss man an mancher Stelle etwas ausholen, um die Zusammenhänge zu verdeutlichen.

Wenden wir uns nochmals den philosophischen Fragestellungen zu, bevor wir die aktuellen technischen Problemlagen analysieren.

Jedem, der das ursprüngliche Whitepaper zum Bitcoin gelesen und verstanden hat, muss auffallen, dass sich die Situation auf dem Kryptomarkt in eine Richtung entwickelt, die sicher nicht im Sinne der Vision Nakamotos sein dürfte.

Der Großteil der User erwirbt und hortet (HODLt) Bitcoins als langfristige Geldanlage wie eine digitale Alternative zu Gold und spekuliert auf Kurszuwächse. Damit wird zwar der Kurs gepusht, aber auf Kosten des Circulating Supply und der Nutzbarkeit des Bitcoinsystems als Währung für alltägliche Transaktionen. Die Daytrader wiederum setzen mit ihrem Tagesgeschäft ebenfalls einen ordentlichen Spekulationsaufsatz auf den Realmarktwert auf, auch dies steigert die Volatilität. Zudem nutzen die (institutionellen) Großinvestoren (sogenannte „Wale“) die bisher fehlende Regulation des Marktes, um unter gezieltem Einsatz von Instrumenten wie Fake-News und Insidersignalen den Markt zu manipulieren, um ihre eigenen Anteile an der limitierten Kryptowährung zu vermehren.

Zuletzt konnte man dies gut beobachten, als Regierungsangestellte Südkoreas Fake-News bezüglich eines angeblichen Totalverbots aller Kryptobörsen des Landes ausnutzten, um sich dann nach den Panic Sells der Anleger günstig in den Markt einzukaufen.

Ähnliches konnten wir im August 2017 in noch weit größerem Maßstab mit dem berühmt-berüchtigten Bitcoin-Bash Tweet von JP Morgan verfolgen: Nachdem der Kurs in der Folge kurzzeitig massiv eingebrochen war, kaufte JP Morgan über einen Firmenaccount bei einer Kryptobörse eine immense Anzahl Bitcoins ein.

Dass unter solchen Ereignissen das öffentliche Image der gesamten Kryptobranche massiv leidet und das Vertrauen des Ottonormalverbrauchers beziehungsweise des Kleinanlegers in die Zukunftsfähigkeit des Bitcoin als Währungs- beziehungsweise Wertaufbewahrungssystem zerstört wird, scheint da höchstens vereinzelte Early Adopter, Puristen und Developer zu stören.

Weitere Unsicherheitsfaktoren für die Preisstabilität sind beispielsweise auch (internationale) Strafverfolgungsbehörden, die bei der Zerschlagung diverser Darknet-Plattformen immer wieder hunderttausende Bitcoins beschlagnahmen und damit theoretisch zumindest kurz- und mittelfristig den Markt schwemmen könnten. Vergleichbares haben wir bei dem zeitweiligen Preissturz nach der Versilberung von Vermögenswerten des Insolvenzverwalters der Kryptobörse Mt. Gox bereits erlebt.

Befassen wir uns jetzt mit der ursprünlichen Vision Nakamotos. Laut Whitepaper war der Bitcoin weder als Instrument spekulativer Börsengeschäfte noch als Store-of-Value im Sinne digitalen Goldes gedacht. Stattdessen sollte der hauptsächliche Zweck darin bestehen, ein alternatives, disruptives, über jede nationale Grenze hinweg effizientes und vor allem faires, demokratisches, transparentes und unbestechliches digitales Finanzsystem zu schaffen, in dem es abgesehen von Sender und Empfänger keiner dritten Partei in Form einer Bank oder anderen Finanzdienstleistern bedarf, um auf globaler Ebene sichere und vertrauenswürdige Transaktionen abwickeln zu können. Um dies zu bewerkstelligen, sind aber auch mannigfaltige technische Voraussetzungen gegeben, welche die globale Bitcoin-Gemeinschaft vor einige ernstzunehmende Herausforderungen stellt – mit diesen Details werden wir uns im nächsten Teil dieser Serie auseinandersetzen.

(Fortsetzung folgt – besucht uns wieder am 21.09.2018, um weiterzulesen)
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