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Der Bitcoin – disruptives Währungssystem oder digitales Gold? 2/2

Teil 2 – Der Bitcoin als Währung - zwischen Potenzial und Hype

Zunächst – was macht eine Währung zur Währung?

Etymologisch gesehen leitet sich der Begriff vom mittelhochdeutschen „werunge“ („Gewährleistung“) ab und bezeichnet entweder das staatlich regulierte Geldsystem einer Nation, oder aber auch Geldsysteme privater Gesellschaftsformen. Im Speziellen legt die Währung ein Münz- und Notensystem fest.

Rechtlich gesehen unterschiedet man verschiedenste Arten klassischer Währungen:

Die simpelste Form der Währung ist die Goldumlaufswährung, dabei dienen Goldmünzen direkt als Zahlungsmittel. Wird für den Zahlungsverkehr hingegen Papiergeld verwendet, dessen Wert von einer Zentralbank durch Goldreserven gedeckt wird, spricht man von einer Goldkernwährung. Nach der Aufhebung der Golddeckung des US-Dollars im Jahr 1971 entwickelte sich der Dollar von einer Goldkernwährung zu einer Fiatwährung, welche durch fehlende Deckung durch alternative Wertreserven und beliebig vervielfältigbare Währungseinheiten charakterisiert ist. Letztere Währungsform dominiert inzwischen auf der gesamten Welt.

Wie ist nun die Währungsfunktion des Bitcoin im Vergleich zu den klassischen Währungen einzuordnen?

Um Bitcoin sinnvoll als Währung einsetzen zu können, sind ein paar grundlegende Faktoren ausschlaggebend. Zunächst ist hier die Transaktionsgeschwindigkeit zu nennen, welche direkt mit den Transaktionsgebühren, den sog. „(transaction-)fees“, zusammenhängt. Während Transaktionen zu Beginn des Jahres 2017 noch innerhalb weniger Sekunden bis Minuten zu Gebühren weniger Cent ausgeführt werden konnten, änderte sich dies mit dem Hype ab März 2017 bis Ende des Jahres. Zu dieser Zeit war das Bitcoin-Transaktionssystem hoffnungslos überlastet. Manch eine etablierte Börse verzeichnete in diesem Zeitraum innerhalb weniger Tage Neukundenregistrierungen im sechsstelligen Bereich, die KYC-Verifizerungsvorgänge dauerten mitunter mehr als einen Monat.

Das Problem dahinter: Weder die Börsen selbst noch die Miner, die mit ihren Nodes das Transaktionssystem an sich am Laufen halten, waren infrastrukturell auf ein derart schnelles Wachstum vorbereitet und kamen mit dem Ausbau nicht mehr hinterher.

Die Server der Börsen waren aufgrund der Überzahl an Anfragen immer wieder zeitweise offline oder so langsam, dass eine anständige Nutzung der Plattformen schon für einfache Einkäufe nahezu unmöglich war, von hochfrequentem Daytrading ganz zu schweigen. Damit verbunden stauten sich je nach Tageszeit hunderttausende Transaktionen im Netzwerk, bei niedrigen fees bezahlte man umgerechnet schon mal 5-7 € für eine Transaktionszeit von ein bis zwei Tagen. Für eine zügigere Transaktion wurden beim All-Time-High von knapp 17.000 € auch schon mal bis zu 20€ fällig.

Doch nicht nur der Userandrang sorgte für diese Verschärfung der Umstände, zu dieser Zeit war auch die SegWit(2x) Debatte noch nicht ausgestanden. In diesem undurchsichtigen Konflikt um die Lösung der Scaling-Problematik stellten die Miner auf der einen Seite und das Core-Developer-Team und ihre Sympathisanten auf der anderen Seite die wichtigsten Parteien dar. Allerdings spielten auch Betreiber diverser Börsenplattformen eine Rolle, indem massenhaft nahezu nullwertige Transaktionsblöcke in das Netzwerk transferiert wurden, um den Mempool zu überfüllen und eine positive Abstimmung für das umstrittene SegWit(2x) Update zu erzwingen, was wiederrum die Transaktionsgebühren künstlich auf hohem Level gehalten hat und zum Stau im Transaktionsnetzwerk beigetragen hat.

Auch wenn sich der Hype inzwischen wieder etwas gelegt hat und der infrastrukturelle Ausbau des Transaktionssystems neuerdings sowohl in Sachen Hardware (massiver Ausbau von Nodes und Mining-Farmen) als auch im Sinne von Softwarelösungen (siehe Lightning-Network) dazu beigetragen hat, die angespannte Lage zu entschärfen, verhinderten diese Umstände zu dieser Zeit den effizienten Einsatz von Bitcoin als Währung für kleinere Einkäufe und Transaktionen. Beispielsweise war auf der Gaming- und Softwareplattform Steam zeitweise ein Bitcoin-Payment-Gateway etabliert, was aufgrund der hohen Transaktionsgebühren und der Kursvolatilität jedoch wieder eingestellt wurde. Ebenso erging es einem Onlinegetränkeversandshop einer Edeka-Filiale. Diese Beispiele stehen für zwei weitere Faktoren einer funktionierenden Währung: Breite (Händler-)Akzeptanz beziehungsweise Vertrauen sowie eine gewisse Wertstabilität.

Daraus ergibt sich die nächste Frage:

Kann eine Währung wie der Bitcoin, dessen Wert maßgeblich von Angebot und Nachfrage mitbestimmt wird, jemals eine relative Wertstabilität erreichen?

Bezüglich dieser Fragestellung gibt es die unterschiedlichsten Ansätze. Kritiker unken, der Bitcoin wäre ein global angelegtes Ponzisystem historisch einmaliger Ausmaße, andere gehen davon aus, dass sich selbst bei maximaler Verbreitung und Akzeptanz des Bitcoin als Zahlungssystem die bestehende Volatilität fortführt, begründet unter anderem durch das Risiko von Marktmanipulationen.

Erstere Annahme lässt sich relativ einfach widerlegen. Wäre der Bitcoin ein Ponzisystem, wäre er existenziell davon abhängig, dass permanent neue User in das System integriert werden und Geld investieren. Diese Situation ist allerdings nicht gegeben. Inzwischen existiert der Bitcoin seit fast einem Jahrzehnt, und die längste Zeit davon hat er ein Leben als reines Nerdspielzeug mit einer sehr überschaubaren Nutzergemeinschaft gefristet. Abgesehen von den Kosten für IT-Infrastruktur und der Arbeitszeit für das Entwickeln des Blockchaincodes fielen (neben den minimalen Transaktionsgebühren) praktisch keine weiteren Kosten an, es wurden auch nicht wie bei vielen aktuellen ICO’s Investorengelder in dreistelliger Millionenhöhe eingesammelt. Im Gegenteil kann bis heute jeder das Bitcoinsystem kostenlos nutzen, anders als bei einem Bankkonto fallen keine generellen Kontoführungsgebühren an. Und selbst wenn zu jedem beliebigen Zeitpunkt keine neuen User mehr hinzukommen würden, würde sich bei gleichbleibendem Verhältnis von Angebot und Nachfrage der aktiven Nutzer höchstens der Kurs etwas stabilisieren und der langfristige Aufwärtstrend gestoppt werden – der Bitcoin würde weiter als teilweise in sich geschlossenes Wirtschaftssystem funktionsfähig bleiben.

Allerdings gibt es noch ein weit interessanteres Modell, welches den tendenziell steigenden Wert des Bitcoin direkt mit seiner Verbreitung im Sinne eines sozialen Netzwerks verbindet – ähnlich, wie der Wert von Plattformen wie Facebook oder Telegram mit der Anzahl der Nutzer steigt. Hier ist auch irgendwann mit einer Sättigung des Marktes zu rechnen, spätestens wenn man von einer theoretischen Verbreitung auf den Großteil der Weltbevölkerung rechnen würde. In diesem Fall müsste dann allerdings der Wert der Bitcoinanteile noch dramatisch steigen (oder aber der Warenpreis für Konsumgüter und Sonstiges im Verhältnis sinken), um für das Individuum ausreichend Kaufkraft zu bieten. In jedem Fall kann man gespannt sein, was die Zukunft in diesem Kontext für uns bereithält.

Desweiteren soll nochmals auf den Realmarktwert eingegangen werden. Von Kritikern wird der Bitcoin oftmals als rein spekulativ eingestuft, ohne ihm einen intrinsischen Wert zuzugestehen. Solange aber allein schon die Berechnung einer neuen Bitcoin-Währungseinheit ein Vermögen an Strom kostet und rund um den Globus auch Händler und verschiedendste Akzeptanzstellen existieren, die einen Tausch von Bitcoin in Waren oder Dienstleistungen anbieten und damit einen permanenten Umlauf des Bitcoin im Sinne einer Währung generieren, ist diese Annahme schlichtweg falsch. Beispielsweise lassen sich inzwischen mancherorts Universitätsgebühren in Bitcoin begleichen, der Kanton Zug akzeptiert Steuern in Form von Bitcoin, und in Japan ist der Bitcoin inzwischen auf breiter Ebene als Zahlungssystem etabliert. Genaue Studien zu diesem Thema sind zwar noch nicht existent, allerdings es gibt einige Schätzungen, dass der Kurs des Bitcoin aus diesem Grund nicht mehr weit unter 5.000 bis 6.000 USD fallen dürfte, ohne dass der Support der Menschen, die mit Bitcoin reale Einkäufe tätigen, den Kurs wieder auffangen würde. Zusätzlich steigt die Anzahl der Akzeptanzstellen täglich, eine kurze Google-Suche offenbart tausende Händler auf der ganzen Welt.

Wer also einer Blasenbildung beim Bitcoin entgegenwirken möchte, sollte möglichst aktiv zum Ausbau der Infrastruktur und des Umlaufs von Währung gegen Waren/Dienstleistungen beitragen. Im besten Fall richtet man einen eigenen Bitcoin-Fullnode (oder mindestens einen Light-Node) ein und kauft möglichst oft mit Bitcoin Waren, um den Druck auf die Wirtschaft zu erhöhen und die Händlerakzeptanz zu steigern. Dabei wäre möglichst zeitnah vor dem Einkauf der Bitcoin-Kaufbetrag wieder an der Börse nachzuordern, was sich wiederum postitiv auf den Kurs auswirkt. Damit hält man das Portfolio konstant und minimiert eventuelle Kursverluste. Ideal wäre für den Einkauf selbst die Verwendung von Kryptokreditkarten, die direkt mit einem Bitcoinwallet verbunden sind. Nachdem Wavecrest Anfang diesen Jahres allerdings hunderttausende von Kryptokreditkarten permanent deaktiviert hat, ist das aktuell zugegebenermaßen ein wenig schwierig. Allerdings gibt es bereits die ersten Optionen, dieses Problem zu umgehen, auch hier kann man sich nach kurzer Recherche schon über die ersten Alternativprodukte informieren.

Dieser ganze Vorgang mag aktuell noch ein wenig unbequem sein, stellt aber die einzige Möglichkeit dar, den praktischen Wert des Bitcoin als Währung nachhaltig und gesund wachsen zu lassen.

Der Aufwand könnte sich zudem langfristig mehr als lohnen: Selbst wenn man regelmäßig nur mit einem Prozent seines Bitcoinvorrats einkaufen geht, steigert man damit nachhaltig den Wert der verbleibenden 99 Prozent des Vermögens. In diesem Sinne – back to the roots und fröhliches Einkaufen.

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Alexander Immanuel Busch

Immanuel - Sozialpädagoge mit einem Faible für Digitalisierung und IT. Seine Mission: Die Aufklärung über gesellschaftliche Potentiale und Risiken der Blockchainszene und -technologie. Seine Lieblingsthemen: Bitcoin und Dezentralität sowie (MLM-)Scams.
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